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Auf dem Rödel

Rödel-Freyburg-Nadine-Ormo

04. Juni 2020, Nadine Ormo

Eine Exkursion in zwei Kapiteln

„Orchideen …“ – Nahezu geheimnisvoll gab sich der Eintrag, der als kleiner roter Punkt in meiner digitalen Landkarte fand. Gerade bändelte ich gedanklich mit Freyburg an, hatte schon das Naturschutzgebiet „Tote Täler“ entdeckt und nun also, wie sich herausstellen sollte, einen ziemlich zuverlässigen Spot, wenn man wilde Orchideen finden wollte. Gelesen – geplant!

„Tote Täler“ ist ein Naturschutzgebiet auf dem Rödel, eine Erhebung, welche die Unstrut in einem großen Bogen umfließt. Was die Karte verriet: von Freyburg kommend müssten wir, um zu den Orchideen zu gelangen, etwa einhundert Höhenmeter bergan und bis zu einem waldgesäumten Wiesenplateau gehen. Dann einmal der Länge nach darüber und in die südwestlichste Ecke der Freifläche. Irgendwo an den Westhängen müssten wir fündig werden.  

Kapitel 1: Die Koniks

Um hinauf zu gelangen, starten wir, als wir wenige Tage später vor Ort sind, an der Bahnstation Freyburg. Ein paar Meter auf dem Gehweg an der Straße Richtung Balgstädt, dann in ein Sträßlein einschwänkend, das nach links abzweigt. An einigen kleinen Schuppen und Schrebergärten vorbei, verflüchtigt sich der Weg zügig zwischen den Bäumen. In einem schattigen Hohlweg geht es bergan und bald an einer Verzweigung im Bogen nach links. Wir folgen deutlichen Trittspuren und erhaschen einen Panoramablick auf Freyburg bevor wir abermals ins Unterholz eintauchen, bald jedoch die offene, aber umzäunte Fläche erreichen und durch einen kleinen Durchlass schlüpfen.    

Schon seit dem 13. Jahrhundert nutzten die Menschen den Rödel. Zuletzt, bis in die 1990er Jahre militärisch als Panzerfahrgelände, was noch immer an den zahlreichen ausgefahrenen Sandwegen und ehemaligen Panzerstellungen zu erkennen ist.

Heute lebt hier oben eine Herde Konikpferde: Durch die menschliche Nutzung haben sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte vor allem artenreiche Trocken- und Halbtrockenrasen entwickelt. Um diese Artenvielfalt zu erhalten, müssen die Flächen weiter offengehalten werden. – Die Aufgabe der Koniks.

Allerlei mehr Details lesen wir ein Stück weiter, am östlichen Koppelrand, auf einer leicht erhöhten Aussichtsplattform aus Holz, auf der auch mehrere Schautafeln angebracht sind.  

Unser Weg führt weiter nach Süden. Bisher hatten wir die Koniks noch nicht ausmachen können, doch jetzt stehen sie ziemlich plötzlich mitten in unserem Weg. Oder wir in ihrem? Genau genommen ist die Rollenverteilung auf der Koppel klar: wir sind Gäste und lassen die Pferde in Ruhe. Weder fassen wir sie an noch füttern wir sie. Das sind die Regeln, damit sie möglichst gesund bleiben. Einige Stuten sind noch kugelrund und bewegen sich trächtig-langsam, andere führen bereits ihre Fohlen. Wir schauen dem Nachwuchs eine Weile beim Herumtollen zu.   

Kapitel 2: Die Orchideen

Bald erreichen wir das andere Ende der Weide. Erneut bugsieren wir uns durch einen kleinen Durchlass und entdecken schon einen großen Holzpfeil mit dem Hinweis „Orchideenpfad“. Der eigentliche Pfad biegt ein Stückchen weiter nach links in die Wiesen ab. Insgesamt 25 streng geschützte Orchideenarten haben Biologen hier oben ausgemacht. Es ist Ende Mai und gerade blühen, soweit wir das laienhaft bestimmen können, vor allem zwei Orchideenarten: das Helm-Knabenkraut und das Purpur-Knabenkraut.

Wir verbringen sicher eine Stunde auf der gerade mal 1.500 Meter langen Pfadschlaufe, denn immer wieder bleiben wir fürs Fotografieren stehen, wir genießen den Anblick der Orchideen und den Ausblick über das gewellte, weite und unverbaute Land. Wieder auf dem ursprünglichen Weg angekommen, biegen wir auch gleich nochmals ab, über ein kurzes Stück Wiese in den Wald. Auch hier: immer wieder Orchideen. Fast scheint eine Art Sammeltrieb angesprochen zu werden, zumindest visuell, denn die Augen scannen geradezu aufmerksam den Boden nach weiteren und weiteren Exemplaren. 

Vor lauter Begeisterung über die Orchideen scheinen wir von der Frage nach dem Wohin dermaßen abgelenkt, dass wir uns glatt verheddern: statt korrekt bergab und damit weiter auf dem wohl zweiten Teil des Orchideenwegs zu gehen, bleiben wir „auf der Höhe“. Dass der Koppelzaun dort keinen offiziellen Einlass hat und wir für unser Weiterkommen unter dem Zaun hindurchkriechen müssen, hätte uns eigentlich gleich stutzig machen müssen. Nach einigem Hin und Her finden wir aber einen Weg durch den Wald hinunter nach Balgstädt.

Bei dieser kleinen Wanderung haben sich einmal mehr zwei Dinge bewiesen: Wege auch mal zu hinterfragen, die in der digitalen Landkarte eingezeichnet sind, ist das eine. Sich auf selbst kleine, unbekannte(re) Naturräume vor der Haustür einzulassen, das andere. Denn nehmen wir uns dort genügend Zeit, kommen wir ziemlich sicher übervoll mit intensiven Eindrücken heraus. Mit Eindrücken, die lange bleiben.     

Tipps

Die Wanderung von Freyburg über den Rödel und das Naturschutzgebiet Tote Täler hinunter nach Balgstädt ist etwa 8 Kilometer lang. Reine Gehzeit gut 2 Stunden; empfehlenswert ist es allerdings, mehr Zeit für die Naturbeobachtungen mitzubringen.

Der Rödel liegt in einem Flussbogen, an dem gleichzeitig die Bahn entlanggeführt ist. Mit Roßbach, Kleinjena, Freyburg und Balgstädt gibt es insgesamt vier Bahnhöfe, von denen sich das Naturschutzgebiet auf kürzeren oder längeren Strecken erwandern lässt.

Wenn ein Fahrrad bei der Hand ist, sind auch von Naumburg aus zum Rödel zahlreiche Bike-&-Hike-Varianten denkbar – als genussvoller Tagesausflug. 

Über die Autorin

Nadine Ormo (44) lebt in München. Die freiberufliche Texterin, Online-Redakteurin und Buchautorin ist in ihrer freien Zeit am liebsten draußen unterwegs und schreibt darüber auch in ihrem Blog kulturnatur.de.

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