Finissage

Zarathustra kam an einem Donnerstag. 

Lesung mit Katrin Seglitz

Am 9. November wurde in Deutschland zwei Mal Geschichte geschrieben: 1938 gingen die Scheiben jüdischer Geschäfte zu Bruch und Synagogen in Flammen auf, 1989 fiel die Mauer, die Deutschland in Folge des Kriegs und der nationalsozialistischen Verbrechen 28 Jahre lang geteilt hatte. Beide Ereignisse markieren historische Eckpunkte: 1938 manifestierte sich ein Rassismus, der zum Holocaust führte, der 9. November 1989 steht für Meinungsfreiheit und demokratische Entwicklung im wiedervereinigten Deutschland. 
 
Im Bewusstsein dieser Ereignisse findet die Finissage der Ausstellung „Menschen und Krieg“ im Kunstverein BRAND-SANIERUNG statt. Katrin Seglitz stellt ihren neuen Roman vor. 
 
In ihrem Roman Schweigenberg hat sie von Nora erzählt, die bis zur Wende Schuhmacherin in Sahlen war, einer kleinen Stadt an der Saale, in der man unschwer Weißenfels erkennt, von ihrer Enkelin Iris, die aus dem Süden Deutschlands kommt, um ihre Großmutter Nora zu besuchen, und von Arne, einem Winzer aus dem Saale-Unstrut-Gebiet, der sich an dem Richter rächt, weil dieser ihn zu DDR-Zeiten zu drei Jahren Gefängnis wegen versuchter Republikflucht verurteilt hat. 
 
In ihrem neuen Roman begegnen wir Arne und Iris wieder. Die Handlung beginnt im Oktober 2014, Iris und Arne nehmen einen Flüchtling aus Afghanistan auf. Er heißt Zar, Abkürzung von Zarduscht oder Zarathustra. Und damit kommt der Zarathustra von Nietzsche ins Spiel. Arne hat als junger Mann versucht, die DDR zu verlassen, Zar ist aus Afghanistan geflüchtet. Das müsste sie eigentlich verbinden, aber je länger sie zusammenwohnen, desto mehr entfernen sie sich voneinander. Der Kontakt mit dem Fremden im Haus stellt Gewohnheiten, Haltungen und Grundüberzeugungen infrage. Im Laufe der Geschichte wird deutlich, dass Iris, Arne und Zar in unterschiedlichen Welten leben.
 
Zar träumt mit Nietzsches Zarathustra von einem Gott, der tanzen kann, Arne ist angezogen vom Willen zur Macht. Als Arne zum ersten Mal zu einem Treffen der AfD geht, gibt es die Partei noch nicht lange. Auf Nietzsche haben sich die Nazis bezogen, auf Nietzsche beziehen sich die Strategen der AfD. Ein Missverständnis? Nietzsche hat sich abfällig über Demokratie geäußert, er hat sich aber auch lustig gemacht über Nationalismus und Deutschtümelei.
 
„Der Eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich verlieren möchte. Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon wenn ihr zu fünfen miteinander seid, muss immer ein sechster sterben. Meine Brüder, zu Nächstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch zur Fernsten-Liebe.“ (Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Rede von der Nächstenliebe)
 
Katrin Seglitz zeigt ein Paar im Spannungsfeld zwischen Willkommenskultur und Ängsten, die durch die Migrationsbewegung ausgelöst werden. 
Susanne Lohse lobt in ihrer Rezension in der Schwäbischen Zeitung: „Die Stärke des Romans ist, wie die Autorin verschiedene Handlungsfäden, verschiedene Charaktere und politische Entwicklungen miteinander verwebt, ohne je die Distanz zu ihren Figuren zu verlieren.“
 
Verlage Osbert und Spenza Ravensburg
 
www.katrin-seglitz.de
 
Katrin Seglitz hat Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Sie hat drei Romane und viele Erzählungen veröffentlicht, war Mitherausgeberin des Literarischen Jahreshefts Mauerläufer. 2018 erschienen Gespräche mit Geflüchteten aus Syrien, 2022 veröffentlichte sie ein Buch zur Gruppe 47: Dorthin gehen, wo die Parallelen sich schneiden. Ihre Erzählung Nuit Blanche wurde 2020 mit einem Hauptpreis im Wettbewerb des PEN und der Akademie für das Gesprochene Wort ausgezeichnet. Sie ist Mitglied im PEN Deutschland.   www.Katrin-Seglitz.de
 
Zarathustra kam an einem Donnerstag, Verlag osbert+spenza, Hardcover, 280 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-947941-04-9. 

  • Samstag 09.11.2024, 15:00 - 17:00 Uhr
  • Touristische Veranstaltung

Organisation

Saale-Unstrut Tourismus GmbH